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Bildung


Ein erster kleiner Beitrag zur Bildungsdebatte

Mit Artikeln zu:








Vom Sparen und vom Gewinnen


Dieser Artikel entstand aufgrund der erneuten massiven Sparvorhaben im Bildungsbereich, die der Berliner Senator für Finanzen, Thilo Sarrazin spätestens für die Legislaturperiode ab 2004 angekündigt hat.
Anligen des Artikels ist es, dem durch Sarrazin erzeugte Bild, Bildung sei eine unlukrative Investition und in Zeiten wirtschaftlicher Depression nicht zu bezahlen, entgegenzusetzen, dass die einzige grundsätzlich lukrative Investition in guten wie in schlechten Zeiten eben Bildung ist.
Der Artikel will aufzeigen, dass "Sparen an der Bildung" im Endeffekt teurer ist, als in die Bildung zu investieren.


Wer an der Bildung "spart", zerstört Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und alten Menschen ihre Möglichkeiten, Zukunftsperspektiven zu entwickeln und umzusetzen.

Wer in die Bildung investiert, schafft Zukunftsperspektiven, Anreiz, Motivation und konstruktives Handeln.

Wem die Möglichkeiten verschlossen bleiben, Zukunftsperspektiven zu entwickeln und umzusetzen, wird passiv und destruktiv.

Wer Zukunftsperspektiven hat, wird aktiv und konstruktiv an ihrer Umsetzung arbeiten.

Passive und destruktive Menschen kosten viel Geld: als demotivierte Arbeitslose, als Kriminelle, als Systemgegner.

Konstruktiv-aktive Menschen sparen nicht nur diese Kosten, sondern schaffen vor allem ein Klima des Aufschwungs, Wachstums und Fortschritts.

Aus diesem Grund haben die Großeltern der Zivilisation Bildung zur Grundfeste einer fortschrittlichen Gesellschaft erklärt, die allen uneingeschränkt zur Verfügung stehen soll, je mehr, desto besser für alle.

Heutzutage haben einige "Wirtschaftsstrategen" Bildung zu einer Ware erklärt, die immer weiter verknappt und so immer weiter verteuert wird.

Einige kommerzielle und verkommerzialisierte Anbieter von Bildung werden aus dieser Entwicklung einiges Kapital schlagen.

Die Gesellschaft aber wird nicht nur passive und kriminelle Menschen bezahlen müssen, sie wird nicht nur geistig verarmen, nicht nur immer weiter in ein Klima von Zukunftsangst und Aggression hineinrutschen, nicht nur immer mehr an gegenseitiger Dumpfheit und Konkurrenz verrohen
- sie wird ihre Zivilisiertheit mehr und mehr verlieren.

Quellennachweis: [http://www.alexberlin.de/texte/bildung.html]
©reated by Alex, 21.05.03



Liebe Leserin, lieber Leser,
als kleine Gegenleistung für das, was Du eben lesen musstest, bitte ich Dich um einen kurzen, spontanen Kommentar, der unter uns bleibt, aber sicher Einfluss hat.

Na los - zwei Zeilen!














Von relevanten Studienfächern



Dieser Artikel entstand aufgrund der Aussagen, die der Berliner Senator für Finanzen, Thilo Sarrazin in einem Interview [erschienen im Berliner Tagesspiegel am 12.05.03] im Zusammenhang mit seinen Kürzungsvorhaben an Berliner Universitäten von sich gegeben hat.
Der Senator sieht bei den geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern "...die weniger relevant sind für den Wirtschaftsstandort und nicht zu den produktiven gehören ..." "...ein Sparpotential von bis zu 140 Millionen Euro".
Als "relevante" Studienfächer sieht der sich selbst als "Ökonom" bezeichnende Ex-Manager die Natur- und Ingenieurswissenschaften.
Anligen des Artikels ist es,
  1. aufzuzeigen, dass wir arbeiten um zu leben - und nicht leben um zu arbeiten.

  2. dass daraus folgt, dass Fächer die sich mit Lebenskunde befassen mindestens so "relevant" sind wie Fächer, die sich mit Arbeitskunde befassen.

  3. dass eine Sichtweise, wie Sarrazin sie vorstellt eine typische Fehlentwicklung des nicht-interdisziplinären Wirtschaftslernens ist.

  4. dass gerade aus wirtschaftlicher Sicht ein starkes Interesse an Sozialwissenschaftlern besteht.

  5. dass - wie immer - die meistversprechendste Lösung nicht an einem Pol der (Studienfächer-) Skala zu finden sein wird, sondern, dass die Kunst darin liegt, die Pole auszubalancieren.


Vorwort:
Ohne besonders auf den Sinn des Lebens einzugehen, glaube ich einer Mehrheit in unserer Gesellschaft das Wort zu reden, wenn ich behaupte, dass wir uns die Gestaltung unserer Lebenszeit als einen Kompromiss zwischen dem was wir tun müssen und dem was wir tun möchten vorstellen.

Wenn man sagt, dass wir "arbeiten um zu leben", hört sich das so an, als könnte man nicht gleichzeitig arbeiten und leben - ich meine damit aber eher, dass es Dinge gibt, wie Wäschewaschen, Geschirrspülen, den Acker pflügen oder morgens zur Arbeit dackeln, die man nicht unbedingt gerne tut, die aber den Weg darstellen um dahin zu gelangen, wo man EIGENTLICH hinmöchte:
in frische duftende Klamotten, an einen schön gedeckten Tisch, aufs Erntedankfest oder in den Sommerurlaub.

Einige Menschen arbeiten vielleicht monatelang einen Fließbandjob, um sich dann endlich die Weltreise leisten zu können, oder das tolle Motorrad.

Weltreise und Motorrad sind in diesem Fall Dinge, die Ziele in unserem Leben verkörpern.
Von der Weltreise versprechen wir uns tiefgreifende Veränderung, Selbstfindung, Entfaltung und Bereicherung unserer Persönlichkeit,
das Motorrad mag einen Weg zu mehr Anerkennung in der Gruppe, mehr Möglichkeiten "auszubrechen" oder ein rauschartiges Fahrerlebnis verheißen.

Das Schema heißt also:

Die Arbeit ist der Weg - Wachstum und Bedürfnisbefriedigung das Ziel.

Natürlich ist das keine erschöpfende Erklärung für menschliches Verhalten, aber ein Modell an dem man sehr schön verschiedene Formen von Relevanz studieren kann.



Relevanzen:
Wenn wir an oben beschriebenem Modell erarbeiten wollen, welche Faktoren eine ausschlaggebende (relevante) Rolle spielen, haben wir es wieder mit einer Zweiteilung zu tun:
Einerseits jene Faktoren, die ausschlaggebend dafür sind, welche Bedürfnisse uns welche Ziele stecken lassen und welche unterschiedlichen Wege in unserer individuellen Vorstellungswelt existieren.
Andererseits jene Faktoren, die für die Möglichkeiten und Methoden (die Wege) entscheidend sind, mit denen wir unsere Ziele zu erreichen suchen.
Eines aber ist sicher unbestritten:
Es ist niemals nur Weg oder Ziel relevant, das andere jedoch irrelevant.
Die jeweiligen Faktoren können sich nur gegenseitig komplettieren, einzeln wären sie wertlos, oder wie man auch sagen könnte irrelevant.

Studienfächer im Wettstreit:
Die Menschen beschäftigen sich einerseits ständig mit sich selbst und den anderen ("ob sie sich wohl freut, wenn ich plötzlich vor ihrer Tür stehe?") und andererseits mit der restlichen Umwelt ("aber zwischen uns ist ein Fluss, wie komm ich da bloß rüber?").
Wenn sich Menschen sehr stark mit solchen Problemen und ihren unterschiedlichsten Lösungen und Verlaufsformen befassen, nennt man das studieren.

Je nachdem, ob man sich mehr auf die Ziele oder auf die Wege konzentriert, studiert man also entweder Geistes- und Sozialwissenschaften oder Ingenieurs- und Wirtschaftswissenschaften.

Typischerweise verlieren sich die jeweiligen Spezies allmählich aus den Augen, ja sie verlieren sogar den gesamten Überblick, und halten sich und ihren Fachbereich für den Dreh- und Angelpunkt des ganzen großen Systems.

Da gibt es Sozialwissenschaftler, die so tun, als ginge es von morgens bis abends nur darum, im Kreis zu sitzen und Befindlichkeiten zu diskutieren.
Sie verschwenden keine Sekunde darauf zu überlegen, dass dabei gewisse Voraussetzungen, wie zum Beispiel der Füllzustand des Magens, die konstant-angenehme Raumtemperatur oder die Sicherheit nicht überfallen zu werden eine nicht unerhebliche Relevanz besitzen.

Noch trauriger finde ich allerdings Wirtschaftswissenschaftler, die sich darein verrannt haben, ständig Prozesse zu optimieren und die Effektivität steigern zu wollen - sich selbst, die Frage warum sie das machen und wo sie eigentlich hinwollen aber vor lauter Prozess(=Weg)-Optimierung völlig aus den Augen verloren haben.
Vielleicht rührt daher ja eine Faszination von Autorennen: Die Piste ist nur zum Ausreizen der Technik interessant, sie führt zu keinem wirklichen Ziel - man fährt im Kreis und kommt nirgendwo an, aber das mit orgiastischer Geschwindigkeit.

Ich denke also eine traurige Wahrheit auszusprechen, wenn ich behaupte, dass dem oben noch unbestrittenen Grundsatz:
"Es ist niemals nur Weg oder Ziel relevant.
Die jeweiligen Faktoren können sich nur gegenseitig komplettieren, einzeln wären sie wertlos."
von einzelen "Fachleuten" in sehr großen (wissenschaftlichen) Systemen nur allzugerne unreflektiert widersprochen wird.

Manche fordern gar, den jeweils anderen Bereich abzubauen oder ganz zu streichen, um Mittel für die eigenen "relevanten" Vorhaben verfügbar zu machen, anstatt sie in "irrelevante" Gebiete zu verplempern.

Dies ist ungefähr so, als würde man fordern, die Schienen abzumontieren um mehr Lokomotiven bauen zu können.

Eine wichtige Aufklärungsarbeit bestünde darin, klarzustellen dass die sozialen Bedingungen, auf denen eine Wirtschaft aufbaut nicht naturgegeben und selbstverständlich, sondern einerseits hart erarbeitet - aber auch andererseits durch Nachlässigkeit verfallen sind.
Und umgekehrt, dass die wirtschaftliche Ausgangslage auf der wir ein sozialen System errichten wollen etwas ist, dass man nicht so einfach aus dem Ärmel schüttelt.

Anschauungsbeispiel:
Wie diese beiden Faktoren zusammenspielen möchte ich an einem Beispiel verdeutlichen:

Nehmen wir ein großes Berliner Industrieunternehmen vor 30 - 40 Jahren.
Einer der Personalchefs ist ein Meister mit Fachabitur, der die Stellenbewerber nach allen Regeln des Fachs auf ihre Tauglichkeit prüft.
Die Bewerber ihrerseits kommen aus einfachen Verhältnissen: Man macht mit 14 eine Lehre, heiratet nach der Gesellenprüfung, richtet sich neben der Arbeit ein Zuhause ein, betreibt vielleicht ein Hobby und geht mit 65 in Rente - alles easy.

Die Zeiten ändern sich:
Die soziale Umwelt wird komplexer, diffuser, uneindeutiger.
Das Individuum muss wesentlich mehr Zeit aufwenden um funktionierende Erklärungsmodelle und erfolgreiche Handlungskonzepte zu entwickeln. Eindeutige Anleitungen werden zunehmend rar und das Schleudern und Scheitern in sozialen Gefügen wird zur alltäglichen Erfahrung. Hervorragende Techniker machen furchtbar schlechte Arbeit, sind laufend krank, demotiviert, an manchen Arbeitsplätzen herrscht durchgehend schlechte Stimmung, Stress, Mobbing, usw.

Reaktion des Unternehmens:
Der Personalchef bekommt eine Fortbildung nach der anderen: Coaching, Transaktionsanalyse, Gruppentheorien, Intervention, Deeskalation, Vermittlungs- Reflektions- und Selbstfindungsstrategien.

Erfolg:
Zwischen 1000 und 10.000 Euro investiert, kaum Verbesserungen.

Der Personalchef wird nun ersetzt durch einen Arbeitspsychologen oder etwas billiger, durch einen Sozialpädagogen.
Dieser filtert die Bewerber nach ihren sozialen Kompetenzen, klopft Lebensentwürfe und Familienhintergründe ab. Erst danach sprechen die Probanden mit einem Ingenieur. Fachliche- und Ausbildungsdefizite werden durch innerbetriebliche Weiterbildung ausgeglichen.

Erkenntnis:
Menschen mit guten sozialen Kompetenzen schaffen ein produktives Gruppenklima, haben eine bessere Strukturiertheit und Kontinuität im Arbeitsablauf, sind gut zu motivieren und nehmen neues Fachwissen leicht und selbstständig auf.

Die Arbeits- und Organisationspsychologie boomt - und schöpft für die Unternehmen den gesellschaftlichen "Rahm" ab.

Diese Entwicklung führt zur sogenannten Schere in der Gesellschaft, die hier nicht Thema sein soll.

Überlegung:
Sollten wir statt in die "Naturwissenschaften" enorme Mittel in die Kindergarten- Schul- und Hochschulausbildung von sozialen Kompetenzen investieren, so wäre in einigen Jahrzehnten ein umgekehrter Ablauf vorstellbar:
Während das harmonische gesellschaftliche Miteinander als ständig verfügbares Allgemeingut betrachtet würde, würden Fähigkeiten zum Verstehen physikalischer oder chemischer Abläufe als eine Art besonderes Talent angesehen - als etwas, das einem das Elternhaus oder besonders günstige Lern- und Lebensumstände mitgegeben haben (ganz so wie derzeit oft noch soziale Kompetenzen betrachtet werden).

Man sucht eben oft das, was gerade rarer scheint, während man das (noch) Verfügbarere als gottgegeben und irrelevant verkennt.

Andere Wege:
Richtiger wäre es mit Sicherheit, die Wechselwirkung zu würdigen, die zwischen den entwickelten Zielvorstellungen einerseits - und dem ertüftelten Weg andererseits bestehen.
Klüger wäre es, Geistes- Sozial- Ingenieurs- und Wirtschaftswissenschaften als Pole des Gesamtsystems zu begreifen, die einander bedürfen um wirken zu können.

Fortschritt kann also nur Fortschritt heißen, wenn er uns auch sozial weiterbringt.

Zu der Frage "Was bringt uns eigentlich der Fortschritt?" hier noch ein kleines
Schmankerl:
Da war doch noch jene Person, die sich entschloss eine Waschmaschine anzuschaffen, um mehr Zeit zum Grasflötenbasteln zu haben und nicht den ganzen Tag im Fluss waschen zu müssen.

Als die Waschmaschine da war, kostete sie viel Geld; brauchte noch eine Stromversorgung; einen Generator; ein Regendach; Treibstoff für den Generator; Ersatzteile für Dach, Generator und Maschine; eine Anfahrtpiste für das Tankfahrzeug; und, und, und ...

Nun musste alles bezahlt werden. Dafür musste den ganzen Tag gearbeitet werden und Zeit zum Grasflötenbasteln blieb überhaupt nicht mehr - aber das ganze Ufergras war sowieso schon beim Aufbauen der Anlage plattgewalzt worden.

Aber effektiv - ja, effektiv war das alles schon - also die Waschzeit meine ich! Aber wozu war das nochmal?
Egal, es wird Zeit eine neue Dichtung zu konstruieren ...


Quellennachweis: [http://www.alexberlin.de/texte/bildung.html]
©reated by Alex, 25.05.03



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Na los - zwei Zeilen!














Bildung kostet Zeit und Geld

Noch ein Artikel zur Debatte über Mittelkürzungen und "Straffung" des Lernvorganges an Schulen und Universitäten, die gerade im Gange ist.
Anligen des Artikels ist es vorallem, die Annahme zu kritisieren, Lernende seien (analog zu Maschinen oder Computerprogrammen) immer weiter "optimierbar", wichtig sei das Endergebnis - der "output" - nicht aber der Lernvorgang selbst.
Daraus ergäbe sich die Forderung den Lernvorgang möglichst kostengünstig zu halten, nach dem Motto "mit Tombola-Abitur und Aldi-Diplom im Wochenendkurs zur Weltspitze!".
Weiterhin ist dieser Artikel eine Vorbereitung zu den folgenden Artikeln über Studiengebühren.


Bildung kostet Zeit, keine Frage.

Wissen bedeutet abstrakte, modellhafte oder motorische Gedächtnisinhalte auf Situationen (zB. bei Problemen oder Abfragen) anwenden zu können.

Damit Informationen zu Gedächtnisinhalten werden, müssen sie aufgenommen, erkannt, strukturiert, assoziiert und in verschiedenen Zusammenhängen repliziert werden. Nicht hören+sehen, sondern üben ist das Geheimnis des Lernens.

Am besten verinnerlicht man Wissen, wenn man es auf die unterschiedlichsten Situationen anwendet und - na klar - das kostet Zeit.

Obwohl dies oft als ein Manko angesehen wird, hat es durchaus seine guten Seiten. (In "Der futurologische Kongreß" von Stanislaw Lem wird sehr anschaulich beschrieben, wie es Leuten ergeht, die Wissen in Form von Pillen zu sich nehmen zB. die Encyclopædia Britannica.)

Wie auch immer man darüber denken mag - man erhöht die Wissensaufnahme pro Zeiteinheit sicher nicht dadurch, wenn man einfach nur die Zeit zur Aufnahme verkürzt.
Merkwürdig, dass diese Methode der Zeitverknappung trotzdem ein immer wieder gern gewählter Weg schulischer- und universitärer Lernoptimierungsversuche ist.

Bildung kostet Geld.
Na kein Wunder: in unserer Gesellschaft ist ja eine Investition von Zeit immer auch eine Geldinvestition. Aber meistens ist mit dem besagten Geld nicht das Geld gemeint, das der Lernende in Form von Zeit in den Lernvorgang investiert, sondern Strom, Gas, Wasser, Heizung, Hausmeister und Putzkraft in den ordentlicherweise dafür vorgesehenen Anstaltsgebäuden, die Gagen für die Lehrenden und den Verwaltungsapparat.

Da Bildung in zivilisierten Staaten ein hohes soziales Gut darstellt, sollte man meinen: "Schön! So tragen alle Beteiligten das Ihre dazu bei, dass das Wissen fließt und in vielen Millionen Köpfen sich weiterentwickelt."

Denkste! Kaum ist im Treppenhaus die Neonröhre zu Bruch gegangen, jammert man allerorten: "Ach Gott, wer soll das nur bezahlen!? Lohnt sich das überhaupt noch ... Das schöne Geld, was man damit alles machen könnte ..."

Es ist in meinen Augen wirklich eine Schande, aber wir stehen vor der Frage:

WER SOLL DAS BEZAHLEN?


Quellennachweis: [http://www.alexberlin.de/texte/bildung.html]
©reated by Alex, 29.05.03


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Argument für Studiengebühren

Dieser Artikel bezieht sich auf eine logische Verdrehung, die in der Debatte um Studiengebühren zur Zeit als "pro"-Argument sehr beliebt ist - nämlich dass die schlechtverdienenden Nicht-Akademiker mit ihren Steuern den reichen Elitekindern ein "kostenloses" Studium ermöglichen würden, während für ihre eigenen Kinder ein Studium zu teuer sei.
Eigentlich sollte jetzt bereits klar sein, warum diese Argumentation weder in die eine noch in die andere Richtung funktioniert, aber ich möchte es gerne noch ein wenig ausführen, um dieses "Argument" in seinem ganzen Zynismus zu entlarven.


Nun war es ja in der BRD in Zeiten vor dem Neoliberalismus (bevor die Töpfe plötzlich so klein und die ganz großen Wölfe plötzlich so hungrig waren) einstmals so geregelt gewesen, dass die Gesellschaft in Form von Steuerzahlern auf den Plan trat, um unseren gemeinsamen Wissensacker finanzkräftig zu begießen.

Heute habe ich ein erstaunliches Argument gehört, warum das in Zukunft nicht mehr so sein soll:

Dem Argument zufolge sollen an unseren Universitäten 80% reiche Studenten gemeinsam mit nur 20% armen Studenten die Gnade der Vorlesung auf Staatskosten erfahren.
Im Gegensatz dazu stehe die Verteilung von nur 20% Akademikern zu 80% Nicht-Akademikern in der Bevölkerung.
Wer jetzt noch nicht weiß, worauf das hinausläuft, dem sei noch die Information gegeben, dass die 20% Akademiker gleichzeitig die Eltern von den 80% reichen Studenten sind, während die 80% Nicht-Akademiker logischerweise mit Ach- und Krach 20% Bettelstudenten in die Hochschulen hieven können.

Das klingt zwar sehr zurechtgedreht, aber es wäre ja eigentlich ein schönes Argument um zu fordern:

"Macht das Studium endlich wieder bezahlbar, auch für nicht so Reiche!"


Schließlich wissen wir alle, dass an unseren Instituten zufällig das prozentuale Verhältnis ganz wie in der Bevölkerung verteilt ist und dass nur ein kleiner Anteil der Studenten sich tatsächlich mit ganzer Seele dem Studium zuwenden kann - alle anderen müssen nämlich arbeiten, um sich das überhaupt leisten zu können.
Also endlich ein zugkräftiges Argument gegen Studiengebühren usw...

Von wegen! Die Argumentation ist ja noch garnicht fertig:

"Staatsfinanzierung des Studiums ist ungerecht den Armen gegenüber!"

Wie funktioniert das? Ohne diese Finanzierung haben die 80% armen Nicht-Akademiker doch überhaupt keine Chance mehr, ihre Kids an die Unis zu bringen - wie kann das also gerade ihnen gegenüber ungerecht sein?

"Weil die Nicht-Akademiker (also die Armen) zum Gesamtsteuervolumen wesentlich mehr beitragen als die Akademiker (das sind die Reichen)."

Eine Schande ist das, - finde ich übrigens wirklich - dass die Reichen in unserem Staat so wenig Steuern zahlen müssen, während es bei den Armen keine Gnade gibt.

"Aber nein! Wenn doch die Armen den Akademikerkindern mit ihren Steuern das Studium bezahlen, aber ihre Kinder selber nicht studieren können, dann ist doch das ungerecht!"

Zutiefst - dann ist absolut der Wurm im System.

"Und deshalb brauchen wir Studiengebühren - schließlich können die Akademiker ihren Kindern das Studium ja selbst bezahlen!"

Die Reichen können sowieso alles bezahlen - und deshalb gibt's jetzt Bildung auch nur noch für Reiche.

Mag sein, dass ich die Argumentation nicht wirklich verstanden habe, es tut mir nur leid für die Armen und die Nicht-Akademiker und für die 80% Betroffenen und für uns alle, dass jetzt endlich "Gerechtigkeit" eingeführt wird.

Quellennachweis: [http://www.alexberlin.de/texte/bildung.html]
©reated by Alex, 29.05.03

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Na los - zwei Zeilen!














Die Geschichte vom Untergang der Laboisten:


Diesen Artikel schrieb ich im Anschluß an die (u.a. von den Uni-Präsidenten initiirte) Demonstration gegen immer weitere Kürzungen an den Schulen und Hochschulen Berlins am 16.05.03.
Die Uni-Präsidenten wurden bei dieser Gelegenheit von "linken" Studenten ausgebuht und beschimpft, da bekannt war, dass sie unter den angekündigten Sparmaßnahmen Studiengebühren verlangen wollen würden.
So kam es zu Szenen, in denen Reden gegen die geplanten Kürzungen in Pfeifkonzerten der angerückten Demonstranten untergingen.
Warum ich das sehr dumm finde und wie man es klugerweise besser machen sollte, möchte ich hier ausführen.


Labo hat einmal gesagt: "Wir fordern den Laboismus!" und da Labo ein Linker war, bildeten sich nach kurzer Zeit drei Splittergruppen:

Die laboistische Vereinigung, die vereinigten Laboisten und der Laboistenverein, die sich untereinander nicht ausstehen konnten, sich ständig gegenseitig in's Wort fielen und sich immer dann freuten, wenn sich die jeweils anderen beiden gerade gegenseitig fertigmachten.

Inhaltlich unterschieden sie sich darin, dass die einen meinten, Ärmel sollten bis zur Schulter hochgekrempelt werden, die anderen aber sagten, Ärmel sollten nur bis zum Ellenbogen hochgekrempelt werden und die dritten eben der Ansicht waren, bis zum Handgelenk reiche auch.

Eines Tages organisierten die vereinigten Laboisten eine öffentliche Kundgebung gegen die Anti-Laboisten, auf der sie die zentrale Forderung Labos verteidigen wollten.

Kaum hatte ihr Sprecher angesetzt die Worte: "Wir fordern den Laboismus" zu sagen, erhob sich ein infernalisches Trillern, "Buh"- und "Arschloch"-rufen von den ebenfalls angerückten anderen Splittergruppen.

Da lachten die Anti-Laboisten und schnitten ihnen allen die Ärmel ab.


Was lernen wir daraus?

  • Diskussionen werden bei Meinungsverschiedenheiten zwischen Gruppen mit gleichen und ähnlichen Zielen nicht in der Öffentlichkeit, sondern untereinander geführt.
  • Diskussionen werden grundsätzlich inhaltlich und nicht personell geführt.
  • Bei Diskussionen gegenüber äußeren Gegnern beschränkt man sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner.

Verräter wären zB. Unipräsidenten, die Studenten anrücken ließen und sagten: "Schaut, diese hier demonstrieren alle für Studiengebühren!", weil sie damit den kleinsten gemeinsamen Nenner ohne Auftrag verlassen würden.
Etwas derartiges hat aber kein Unipräsident bei der Demo am 16.5. getan.

Verräter an der gemeinsamen Sache sind auch die, die ihre eigenen Forderungen nach Investition in die Bildung ausbuhen, die Thesen wie "Berlins Rohstoff ist die Bildung und die Kultur" ausbuhen, nur weil sie aus dem "falschen Mund" kommen.

Wir haben sicher ein Wörtchen mit unserem Präsidenten zu reden, aber nicht vor den schadenfrohen Kürzungssenatoren.

Es ist so befreiend seiner Wut Luft zu machen und Steine zu werfen - nur: wenn man nicht weit genug werfen kann, geht der Hagel auf die eigenen Leute nieder (was am 1. Mai zu etlichen, teilweise erheblich verletzten Demonstranten führte).

Wann begreifen wir endlich, dass wir mit Intelligenz, Kreativität und überlegenen Argumenten brillieren sollten, nicht mit "Arschloch"-Geschrei und Getriller ...

Wann schaffen wir es endlich, nicht mehr dümmlich lächelnd zuzuschauen, wenn unsere eigenen Leute unsere Demos kaputtmachen, zB. indem sie jeden, der nicht "Anarchie" brüllt als "Faschisten" beschimpfen oder "die sofortige kompromisslose Abschaffung des Kapitalismus" fordern und dergleichen wirres, unabgesprochenes Zeug mehr ...

Wie wehrt man sich gegen diese Baby-Hirne in den eigenen Reihen?

[Alex, 17.5.03]

Nachtrag:
Offenbar haben einige von Euch diesen Beitrag sehr persönlich genommen.
Freut mich aber auch, wie vielen Leuten ich offenbar aus der Seele gesprochen habe.

Nur noch Eins zum Kapitalismus:
Ich bin sehr gerne bereit, gegen die Auswüchse des Kapitalismus, Neoliberalismus, usw. zu demonstrieren etc..
Natürlich - ohne Kapitalismus gäbe es auch keine Studiengebühren - (wobei ich denke, dass dann vorsichtig ausgedrückt, noch so viele Sachen anders wären, dass die Abwesenheit von Studiengebühren nicht so sehr auffallen würde ...),
ABER: Das war nicht Thema der Demonstration vom 16.5. und dies war keine Demo gegen den Kapitalismus.

Quellennachweis: [http://www.alexberlin.de/texte/bildung.html]
©reated by Alex, 19.05.03



Liebe Leserin, lieber Leser,
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Na los - zwei Zeilen!




Die Texte dürfen natürlich (mit Quellenangabe) zitiert werden.
Textzitate, die veröffentlicht werden (zB. online), müssen mir VOR ihrer Veröffentlichung im einbettenden Kontext gemailt und von mir abgesegnet werden.
Das ist vielleicht nervig, aber Ihr möchtet auch nicht (ohne es zu wissen) für Argumentationen benutzt werden, die Ihr eventuell nicht vertretet ...

Danke
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