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Zu "Out Of Order" von Elettra de Salvo

Die Performance im Dock11 war für mich wieder einmal Anlass über die sexuelle Sozialisation von Kindern nachzudenken.

Die Klitorisbeschneidung ist ein irreversibler Eingriff in die Entwicklung eines Kindes und zwar in einem Maße, in dem Menschen (seien es auch Eltern) nach unserer Auffassung nicht über andere Menschen (und seien es die eigenen Kinder) verfügen dürfen.

Ich finde es gibt eindeutige Grenzen, was man mit anderen Menschen tun darf und was nicht. Ich behaupte, dass man diese Grenzen erfühlen kann, wenn man nur in sich hineinhorcht.

Und trotzdem - habe ich nicht selber gelernt, dass es falsch ist einem Kind keinen Weg vorzugeben, das Beziehungen in denen man nicht auch gegen den Partner sich durchsetzt nicht funktionieren, dass man immer wieder Verantwortung trägt für die Art und Weise in der man andere beeinflusst und wie sehr "positiv" oder "negativ" abhängig ist vom Urteil ganz verschieden denkender Menschen ?

Angesichts der Tatsache, dass wir nicht nur in unserem kulturellen Kontext, sondern auch durch empirische Forschung zu dem Schluss gekommen sind, dass die Klitoris ein Organ ist, dass für die körperliche und seelische Vollständigkeit eines weiblichen Menschen unverzichtbar ist, scheinen solche Überlegungen unangebracht und sind es wohl auch - die Klitoris lässt sich nicht vergleichen mit der Vorhaut, die in einigen westlichen Industrienationen routienemässig beschnitten wird, obwohl auch hier bekannt ist, dass die psychischen Folgen um so dramatischer sind je FRÜHER die Beschneidung erfolgt.

Der beschnittene männliche Leser wird jetzt vielleicht sagen: "Wieso ? Also mir hat es jedenfalls nicht geschadet!" - und schon sind wir mitten in dem Thema um das es mir geht.

Welches Kind wird NICHT missbraucht:
  • Das Kind, das keinerlei Vorgabe von sexuellem Rollenverhalten erfährt?
  • Das Kind, das in seiner Sexualität durch die Indoktrinierung christlicher (oder noch schlimmerer) Wertvorstellungen geprägt wird ?
  • Das Kind, das ermuntert wird jedem sexuellen Impuls sogleich nachzugeben, Sexualität als normales Kinderspiel zu betreiben ?
Die Antwort fällt schwer und ist vorallem davon abhängig, in was für eine sexuelle Umgebung das Kind schließlich entlassen werden soll.

Wie viele Moslems und Amerikaner werden die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn sie erfahren, dass Herr M. oder Frau B. zulässt, dass ihre Kinder onanieren ? Sie werden das ganz unmöglich finden und harte Strafen für die Eltern fordern und ein anständiges Heim, wo die armen Kleinen geschützt werden, vor den perversen Eltern. Wer sein Kind zu sexuellen Freizügigkeit erzieht, dem ist vor dem Besuch von 80% des bevölkerten Erdballs abzuraten.

Aber auch die Zeugen Jehovas sind nicht gerade attraktive sexuelle Vorbilder.

Am schlimmsten sind sicher die Kinder dran, die überhaupt keine sexuelle Orientierng erfahren haben. Sie bevölkern im günstigen Fall die Psychoterapiepraxen, im weniger günstigen die Haftanstalten oder militärische Generalstäbe.

Also erziehen muss man die Kinder doch und erziehen heißt Weichen stellen für das spätere Leben. Und da erzieht im Endeffekt doch jede so wie sie will und das ist zudem meistens genau so wie sie selbst erzogen wurde.

Sind die Männer eigentlich zufrieden mit dem ihnen von den Müttern aufgezwungenen Rollenverhalten ? Wer ist Täter, wer ist Opfer ? Sind es am Ende die Mütter, die all die unfähigen, kranken und perversen Menschen auf diese Welt loslassen ?

Das ist natürlich Quatsch. Von der selben Sorte Unfug, wie die Behauptung die "Weltverschwörung der Männer", die ihre Vorherrschaft in Jahrtausenden mit Gewalt und Chauvinismus aufgebaut habe, sabotiere hinterhältig die Gleichstellung der Frauen.

Mütter (aber auch Väter und andere unwichtige Bezugspersonen) müssen also in einer Welt aus sexuellen Verboten, Vorschriften, Riten und Tabus ihre Kinder sexuell erziehen. Sie müssen berücksichtigen, dass das bestangepasste Kind am wenigsten Probleme mit seiner Umwelt haben wird, aber auch dass Verbote und Tabus zu Inkompetenz und daraus resultierenden Folgen führen.

Kinder den Stammesgewohnheiten oder der kollektiven Sozialgruppenerwartung gemäss zu erziehen bedeutet nicht nur in Afrika konsequenterweise Beschneidung, seelische Verkrüppelung, Ängstigung und Bestrafung der kindlichen Sexualität. -- Dies ist allgemeine Praxis.

Schwieriger wird es Kinder zu sexueller Kompetenz zu erziehen.

Während Knaben im alten Griechenland wenigstens erwachsene Lehrer hatten, müssen sich heutige Jugendliche der "fortschrittlichen" Industrienationen mit anderen Jugendlichen herumschlagen, die genausowenig Ahnung haben wie sie selber, mangels Erfahrung genausowenig Einfühlungsvermögen besitzen und sämtliche möglichen groben Fehler machen, die bei so sensiblen weichenstellenden Erlebnissen wie den ersten sexuellen Kontakten vorkommen können.

Würde ein Erwachsener die Jugendlichen in die Erotik einführen, wäre die Gefahr egoistischen sexuellen Machtmissbrauchs groß. (Abgesehen davon, dass der Sex mit jugenlich aussehenden Menschen in unserer Gesellschaft so einen hohen Stellenwert hat, dass sexuelle Beziehungen zwischen Jugendlichen und Erwachsenen immer als egoistische Hemmungslosigkeit des Erwachsenen gewertet werden, da die entsetzten Aussenstehenden dieser Reinform des allgemeinen Sex-Ideals entsagen.)

Die Populärwissenschaftler heulen los sobald ein Minderjähriger angibt von einem Elternteil berührt worden zu sein. Das zukünftige Schicksal eines solcherart "traumatisierten" Menschen kann ihrer Meinung nach nur noch durch die Gosse oder die Geschlossene führen ... und tut es dann auch oft brav.

Ich hoffe ich habe Euch soweit vorbereitet, dass ich nun auf das kommen kann was ich sagen möchte:
  • Wer in Westeuropa die Änderung von irgendwelchen Stammesriten geschlossener sozialer Systeme in Afrika verlangt, sollte sich überlegen, wie schwierig es sogar für uns ist, uns von unseren gesellschaftlichen Axiomen zu trennen und sexuelle Entwicklung zu fördern.
  • Wir werden genauso beschnitten und merken es nicht einmal, finden es völlig normal - wie die beschnittenen Frauen in Afrika.
  • Ein Aussenstehender einer sexuell weiterentwickelten Gruppe würde über UNS wahrscheinlich nicht viel anders denken, als wir über die Afrikanerinnen.
Ich würde mich sehr über Kritik zu diesem Geschreibsel freuen, insbesondere aber über Vorschläge und Gedanken zu der Frage die nach allem doch offen bleibt:

Wie sollte man Eurer Meinung nach Kinder und Jugendliche in ihrer Sexualität anleiten um sie zu sexuell kompetenten Erwachsenen zu erziehen ???





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