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Politik

Grundsatzfragen zum Krieg

Ich möchte mich in dieser Erörterung grundsätzlich an das Thema herantasten.

Leser, die eine vorgefertigte Meinung vertreten, hochemotionalisiert sind, oder denen es schwer fällt von konkreten Situationen zu abstrahieren, werden eventuell Probleme haben einen Zugang zu finden.

Gegeben sei folgende Situation:

In einem modernen Industriestaat herrscht Faschismus.

Es gibt keine Meinungs- oder Pressefreiheit, im Gegenteil, selbst im privaten- und Familienkreis muss man sehr aufpassen, wie sich politische Äußerungen auf die Zuhörer auswirken.
Niemals spricht man vor Kindern über Politik, es seie denn es entspricht der Staatspropaganda.

Wer staatskritisch ist, muss täglich damit rechnen, von der Geheimpolizei "abgeholt" zu werden.
In diesem Fall folgen mit Sicherheit Folter und Verhöre. Es gibt keinen Anwalt oder sonstigen Rechtsschutz gegen die Peiniger, nicht selten werden Familienangehörige mitverhaftet und vor den Augen des Verhörten auf grausamste Weise gefoltert, um Informationen und Geständnisse zu erpressen.

Jeder im Land weiß, dass bereits Hunderttausende auf diese Weise "verschwunden" sind.

Dem Volk bleibt zum psychischen Überleben nur die Fanatisierung in den Bahnen des Staatsapparats
Jedoch rettet dies lediglich die Angehörigen der "richtigen" Rasse.
Ethnien der "falschen" Rasse oder Kultur werden systematisch ausgerottet.

Außenpolitisch stellt sich das System als typisch faschistischer Drohstaat dar, der die Nachbarländer, wenn militärisch möglich, mit Krieg überzieht und seine militärisch unerreichbaren "Lieblingsfeinde" mit Terrordrohungen bedenkt.

Ist Intervention gerechtfertigt?

Wäre es im Falle dieses phantasierten Staates "gerechtfertigt" von außen zu intervenieren? Verstößt eine Intervention ohne vorherigen Angriff durch den Aggressor nicht gegen das Selbstbestimmungsrecht der Völker?

Man könnte diese Frage leicht beantworten, indem man sagt, dass ein Einschreiten zur "Befreiung" des Volkes gerechtfertigt sei, weil die Regierung vom Volk ja sicher nicht gewollt werde, sondern im Gegenteil das Volk vom Regime unterdrückt wird.

Damit verkennt man aber meiner Ansicht nach den wahren Willen des Volkes.

Um gegen einen solches Regime zu sein, muss man schließlich Werte wie eine eigene Meinung, Selbstverwirklichung, ein Recht auf Unversehrtheit, Würde des Individuums, usw. verinnerlicht haben.

In faschistischen Staaten herrschen jedoch meist Werte wie Unterordnung unter das Kollektiv, Einsicht in die Notwendigkeit der "Einen Wahrheit", nach der die Prinzipien von "Recht und Ordnung" bestimmt werden und vorallem der Wert der unbedingten Führertreue.

Wie kann man ein Volk "befreien", in dem große Teile der Bevölkerung nach ihren verinnerlichten Werten leben, unter der Vorwegnahme, dass diese Werte "schlecht" seien?

Zwei Fragen werden hier für mich aufgeworfen:
  1. Wie kann man der Überheblichkeit zerstörerischer Ideologien begegnen ohne seine eigenen Werte über diese zu stellen?

  2. Wie kann man gegen unbeirrbare Gewalt einschreiten ohne selbst physische Maßnahmen dabei anzuwenden?

Ein schwieriger Widerspruch ergibt sich aus der Feststellung, dass das Anliegen, jedweder ideologischen Selbstbestimmung ihren Freiraum zu lassen, selber eine Ideologie darstellt, die von den Ideologien, denen sie Freiraum zugestehen will nicht in allen Fällen geteilt wird.

In letzter logischer Konsequenz würde diese Ideologie dazu führen, dass die toleranten Ideologien schließlich von der stärksten der intoleranten vernichtet würden.

An dieser Stelle treffe ich meine erste Entscheidung:
Ich ziehe tolerante Systeme intoleranten vor und zitiere den großen Karl Popper:

Im Namen der Toleranz
sollten wir das Recht beanspruchen,
die Intoleranz nicht zu tolerieren.

Dies führt dann auch wieder zu einer Antwort auf die Interventionsfrage:

Ein Selbstbestimmungsrecht gestehe ich nur denjenigen Völkern zu, in deren Ideologie und Handlungen zum Ausdruck kommt, dass Selbstbestimmung für sie einen Grundwert darstellt, der lediglich zu seiner eigenen Selbsterhaltung beschnitten werden darf.
Trifft das auf eine Volk nicht zu, kann ich zur Erhaltung der Selbstbestimmung von Völkern mit toleranter Ideologie die Selbstbestimmung des intolerant ideologisierten Volkes beschneiden und dort intervenieren.

Der Balken im eigenen Auge

Dadurch ergibt sich aber sofort ein anderes Problem:
Überall auf der Welt, nicht zuletzt in der BRD finden massive Beschneidungen des Selbstbestimmungsrechts statt, ohne dass dies durch die oben genannten Bedingungen gerechtfertigt ist.
Es ist eine Realität, der wir in's Auge sehen müssen, dass unsere schönen "selbstbestimmten" Systeme in erheblichem Maße von Geld- und Machtgier, Egoismus und Geiz korrumpiert werden und dass Minderheiten und Einzelpersonen ohne mächtige Lobby ständig auf der Strecke bleiben.

Das christliche Moraldenken impliziert für uns:"Wer von Euch ohne Makel ist, der werfe den ersten Stein!" - müssen wir dann nicht erst vor unserer eigenen Haustür kehren, bevor wir auf der anderen Seite des Planeten im Namen von Toleranz und friedlicher Koexistenz "intervenieren"?

Sicherlich, es gibt Realitäten, denen wir in's Auge sehen müssen, zuallererst der unserer eigenen Unvollkommenheit, aber heißt das, dass wir Grundüberzeugungen, die wir aufgestellt haben, nicht durchsetzen dürfen, bevor wir sie nicht selbst zu 100% verkörpern?

Müssen wir uns nicht eingestehen, dass unser Ziel eine Utopie ist und wir uns noch ganz am Anfang des Weges befinden?

Utopie verlangt Realitäten in's Auge zu sehen, aber sich nicht damit abzufinden.

Auf dem Weg zur Utopie

Wenn wir uns aufmachen, die Utopie der Selbstbestimmung von Einzelnen und Kollektiven, Pluralismus, kulturelle Akzeptanz und gegenseitige Bereicherung zu verwirklichen, müssen wir sicher eine Menge investieren, in Bildung und Vermittlung sozialer Kompetenzen.

Dieses Engagement kann aber in einer derart überbevölkerten Welt, mit unserer Informationsvernetzung und Mobilität nicht auf die eigenen Gruppe beschränkt bleiben:
Wir stehen in ständiger Interaktion; unsere Ideen, Konzepte und Handlungen beeinflussen immer die gesamte Menschheit. Ein kleines Engagement wie diese Webseite bewirkt nur sehr, sehr wenig - die Firmenphilosophie von Microsoft wirkt ganz erheblich.

Wie verschlungen unser Weg zur Utopie auch sein mag, es gibt Kräfte, die eindeutig kontraproduktiv wirken. Und wie es zu unseren Aufgaben gehört, konstruktiv auf ein Ideal hinzuarbeiten, nimmt uns niemand die unangenehme Arbeit ab, uns gegen die Feinde der Toleranz zu wehren.
Ich unterscheide hier also ganz deutlich zwischen "unperfekt, aber auf dem Weg zu meiner Utopie" und "meiner Utopie feindlich". Ich kann also durchaus Steine werfen ohne ein Heiliger sein zu müssen.

Aber kann ich mir vertrauen?
Wie leicht engt man sich auf der Suche nach dem "richtigen" Weg ein auf die höchsteigene, mit allen möglichen anderen Menschen und ihren Bedürfnissen höchst unvereinbare Spur!
Und was noch schlimmer ist: wie dehnbar ist der Begriff des "Feindes", wie schnell wird eine "Bedrohung" überbewertet!
Wieviel einfacher ist es, ständig bei anderen zu "intervenieren", anstatt sich dem eigenen schmerzhaften Wachstumsprozess zu stellen!

Hier ist einfach Ehrlichkeit, ständige Kommunikation nach innen und nach außen gefragt.
Es gibt allerdings Bedrohungen, die eindeutig sind: Krieg und Terrorismus.

Krieg, Terrorismus: Aufbauen oder Zerstören

Während beim Krieg oft eine offene Diskussion mit physischen Mitteln weitergeführt wird, findet beim Terrorismus keine Diskussion statt.
Oft ist Terrorismus der Krieg des Schwächeren gegen den Übermächtigen, weil letzterer die Bedürfnisse des ersteren ignoriert.
In diesen beiden Fällen gibt es Alternativen zum Krieg, wenn beide Konfliktparteien an einer Einigung interessiert sind.

So wie Krieg der reinen Zerstörung dienen kann (zB. "Endkampf" im ZWK) kann aber auch Terrorismus purer Destruktion fröhnen.
Eine Einigung ist dann nicht mehr das Ziel und es läuft ganz einfach darauf hinaus, wer wen zerstört.

Leider hat diese Form der Bedrohung, durch moderne Technologien ungeheuer zugenommen.
Fünfzig verblendete zerstörerische Menschen, gut organisiert und in die richtigen Positionen geschleust, sind in der Lage, sich Technologien zu beschaffen, deren Zerstörungskraft entsetzlich ist.

(Ich darf anmerken, dass ich ständig das Gefühl habe, viele Europäer stellten sich mangels anderer persönlich relevanter Erfahrung Terroristen immer noch als Langhaarige mit Kalaschnikow vor, die mal einen Politiker oder Unternehmer entführen.)

Auch Selbstmordattentäter hat es in der Geschichte vor dem modernen Djihad nur sehr vereinzelt gegeben. Derzeit aber rollt eine Lawine von Selbstmordattentaten vorallem in der arabischen Welt.
Diese Menschen verbauen massiv den Weg zu Toleranz, weil man um sich ihrer zu erwehren einen überdimensionalen Sicherheitsapparat instalieren muss, der wiederum auf Kosten der Freiheit aller davon betroffenen Menschen geht.

Gegen diesen Terrorismus würde glaube ich massive konstruktive Bildung und das Eröffnen von Zukunftsperspektiven helfen.


Toleranz, das Zuhören und Respektieren der Bedürfnisse der Nachbarn und letztendlich der ganzen Menschheit und Natur, sowie die Förderung zur Erlangung gesellschaftlicher Fähigkeiten beim Einzelnen wären eine gute Vorsorge gegen Kriege und Terror, so wie regelmäßig frische Luft und Bewegung gut für die Gesundheit ist.

Sicherheitsstaat und Interventionskrieg sind offensichtliche Symptome dafür, dass es mit dem gegenseitigen Respekt und Interesse nicht hingehauen hat.
Es ist wie der pharmakologische Krieg, gegen eine Krankheit, die man eigentlich gar nicht hätte bekommen müssen.

Sicher ist die von mir vorgeschlagene Prävention sehr, sehr teuer - aber im Endeffekt nicht teurer als die Maßnahmen, die ergriffen werden müssen "wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist" - mit all den resultierenden Folgen.
Sicher ist es nicht schön, sich eingestehen zu müssen, dass das eigene Einfühlungs- und Vermittlungsvermögen eventuell versagt hat ... oder dass es Leute gibt, die einen nun mal partout zum Feind haben wollen - aber es gibt so viele Situationen, aus denen man ohne Gewaltanwendung auf keinen Fall heil herauskommt.

Aus allem bisher Gesagten ziehe ich folgendes Fazit:

  • Ich habe mich entschieden eine Utopie zu wählen, die anderen Utopien größtmöglichen Entwicklungsspielraum gibt.

  • Aufgrund der Menschheitsdichte und der modernen Technologie bedingt diese Entscheidung: mich für meine Utopie im Namen aller Menschen verantwortungsvoll zu engagieren.

  • Aufgrund der selben Voraussetzungen werde ich, wenn es (hoffentlich nicht mir sondern) meinem Gegenüber an Fähigkeit oder Willen fehlt, friedlich zu einem konstruktiven Ergebnis zu kommen, meine Utopie in jedem Fall verteidigen - zur Not auch unter Einsatz physischer Droh- und Zerstörungspotentiale.

Krieg oder Terror sind keine Lösung von Konflikten, aber in oben beschriebenen Situationen, in denen keine Alternative existiert, weil sich das Gegenüber nicht darauf einlässt, ist Wehrhaftigkeit und Bereitschaft zum Einsatz der eigenen Mittel Vorraussetzung zum Überleben der eigenen Utopie.


Nun glaube ich auch die Eingangssituation beurteilen zu können:

Der beschriebene faschistische Industriestaat fällt deshalb aus dem Konzept des gegenseitigen Respekts und der Selbstbestimmung der Völker, weil Selbstbestimmung etwas ist, was er weder seinen Einwohnern, noch seinen Nachbarländern, noch entfernten Kulturen mit anderen Lebensauffassungen (die jedoch tolerant sind) zugesteht.

Dieser Staat ist ein Feind der Utopie größtmöglicher Toleranz, weil er ein faschistischer Staat ist.
Deshalb ist es unsere Verantwortung auf diesen Staat einzuwirken, mit Diplomatie, mit Hilfen für die Bevölkerung, mit positivem Beispiel, durch Bildung, wenn es möglich ist.
Wenn all das vom Regime unmöglich gemacht wird; der Faschismus in seiner oben beschriebenen, unmenschlichen Form verstärkt und vorangetrieben wird - dann ist es immer noch unsere Pflicht zu handeln ... mit dem Mittel, das wir zurückgelegt haben für den Fall, dass alle anderen versagen: mit Gewalt.

Ich möchte an dieser Stelle nochmals darauf aufmerksam machen, dass dies ein Gedankenspiel zur Entwicklung eines Handlungskonzepts darstellt und bis hierher noch nicht dafür gedacht ist auf konkrete Situationen (zB. den Irak) angewendet zu werden.
Vielen Dank für's Lesen und bitte gib mir ein feedback.

©reated by Alex 11.04.2003

Liebe Leserin, lieber Leser,
als kleine Gegenleistung für das, was Du eben lesen musstest, bitte ich Dich um einen kurzen, spontanen Kommentar, der unter uns bleibt, aber sicher Einfluss hat.

Na los - zwei Zeilen!




Die Texte dürfen natürlich (mit Quellenangabe) zitiert werden.
Textzitate, die veröffentlicht werden (zB. online), müssen mir VOR ihrer Veröffentlichung im einbettenden Kontext gemailt und von mir abgesegnet werden.
Das ist vielleicht nervig, aber Ihr möchtet auch nicht (ohne es zu wissen) für Argumentationen benutzt werden, die Ihr eventuell nicht vertretet ...

Danke
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